Neues aus meiner Feder...

Die Grenze spielt im Saarland eine eigene Rolle. Das habe ich bereits 2003 in meinem Buch "Auf dieser Grenze lebe ich" ausführlich beschrieben. Sie ist fester Bestandteil des Lebens der Menschen in der Region und hat deren Schicksal über die Jahrhunderte mit bestimmt. Die Überwindung der Grenze war und ist mein wichtigstes politisches Ziel. Insofern habe ich als Stiftungsratsvorsitzender der Stiftung Demokratie Saarland sehr gerne eine Einführung für die Broschüre "GLÜCK AUF" geschrieben. Diese wird saarländischen Schülerinnen und Schülern bei ihrer von der Stiftung geplanten Fahrt zum Bergbaugelände Parc Explor Wendel an die Hand gegeben – einer Generation also, die sich der historischen Besonderheiten der Grenzregion zumeist nicht mehr bewusst ist.


Der Bergbau beiderseits der Grenze
Einführung "GLÜCK AUF. Exkursion zum Bergbaugelände Wendel"

© Stiftung Demokratie Saarland

Der Bergbau beiderseits der Grenze
von Reinhard Klimmt

Das Schicksal der Lande an Mosel, Rossel, Saar und Blies war über Jahrhunderte von der Grenzlage und den Bodenschätzen bestimmt. Fast tausend Jahre lag die Region in der Spannungs- und Reibungszone zwischen Frankreich und Deutschland. Etwa zweihundert Jahre dauerte die Ära der Montanindustrie, die dem Land seinen besonderen Charakter verlieh und zu enormer wirtschaftlicher Bedeutung verhalf. Dieser Reichtum an begehrten Wirtschaftsgütern – und der damit verbundene relative Wohlstand der Arbeiterschaft – war allerdings auch ein Fluch, weil er wie ein Brandbeschleuniger die deutsch-französischen Konflikte anheizte. Jetzt, am Anfang des 21. Jahrhunderts, finden sich die hier lebenden Menschen in einer neuen historischen Phase. Das Hin und Her, mit bis zu fünf Pässen im vergangenen 20. Jahrhundert im Saarland, ist Geschichte. Beide Schicksalsstränge – Grenzland und Montanland zu sein – gewinnen eine andere und neue Gestalt. Aus dem Zankapfel zwischen den verfeindeten Nachbarn ist ein Brückenland geworden, das die beiden Völker nicht mehr trennt, sondern verbindet und die eigene Rolle auch so begreift. Über dem Schicksal der Saar haben sich Frankreich und Deutschland die Hände gereicht und Freundschaft geschlossen. Die Montanindustrie ist zwar noch präsent, aber ihr eigentlicher Treiber, der Bergbau, hat sich zurückgezogen. Die Stahlindustrie ist bis auf einen gesunden, immer noch bedeutenden Kern geschrumpft. Aber sie spielt nicht länger die erste Geige. Im industriellen Sektor der Region hat sich schon seit längerer Zeit das Automobil zur wichtigsten Sparte emporgeschwungen.

Die Grenzregion war über Jahrhunderte instabil und permanent in Bewegung. Politisch glich sie einem Flickenteppich, der sich aus kleinen und mittelgroßen Territorien zusammensetzte, die zwar als selbständig galten, in Wirklichkeit aber dem Einfluss der einen oder anderen Seite unterworfen waren. Das heutige Saarlandwappen gibt die vier größten politischen Einheiten vor der Französischen Revolution auf dem Gebiet des heutigen Landes wieder: Der Löwe der Saarbrücker Grafen, das Kreuz des Fürstbischofs von Trier, die Adler des Herzogtums Lothringen und der Löwe des Herzogtums Pfalz-Zweibrücken. Wallerfangen (Vaudrevange), dann Sarreguemines (Saargemünd) waren lange Hauptorte des Bailliage Allemand Lothringens, zu dem die heutige Moselle-Est und Teile der saarländischen Kreise Saarlouis, Merzig und St. Wendel gehörten. Im Zuge der Französischen Revolution, die auch die Grenzregion radikal veränderte, wurde das Deutsche Bellistum (französisch: bailliage d‘Allemagne) auf die Departements Sarre, Moselle und Meurthe aufgeteilt, anschließend durch Napoleon die gesamten linksrheinischen Gebiete Frankreich einverleibt.

Nach den Niederlagen Napoleons 1814/1815 teilten die Siegermächte die von Frankreich annektierten Gebiete unter sich auf. Der Löwenanteil – das Rheinland – fiel an Preußen, die Pfalz ging an Bayern. Abgesehen von einigen Grenzkorrekturen, lebten die Menschen in der Region friedlich nebeneinander bis zum Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871. Danach wurden das Elsass und weite Teile Lothringens zu Reichslanden, die Einwohner zu Deutschen, für Frankreich ein Stachel, der eine gemeinsame Zukunft nicht erlaubte. Nach dem Ersten Weltkrieg drehten sich die Verhältnisse erneut. Mit dem Versailler Vertrag wurde 1919 das Saargebiet – etwas kleiner als das heutige Saarland – mit den Städten und Gemeinden rund um das Industrierevier gebildet, die Saargruben französisches Staatseigentum. In Lothringen musste sich die auf Deutschland ausgerichtete Wirtschaft umstellen, ebenso die des Saargebiets. 1935 kehrte das Saargebiet zu Deutschland zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg erneut abgetrennt, mit einer Phase des selbständigen Saarlands unter französischer Aufsicht, wurde das Saarland dann endlich 1957 als Folge der Volksbefragung vom 23. Oktober 1955 das 10. Bundesland.

Auch wenn die Kohle im 19. Jahrhundert mehr und mehr an Bedeutung gewann, blieb die Region auf beiden Seiten der Grenze noch längere Zeit eine landwirtschaftlich geprägte. Den eigentlichen Schub mit einer rasanten Steigerung der Produktion gab der Ausbau der Eisenbahnen. Zum einen ernährten sich die Dampfloks von der Kohle und zum andren eröffneten die ständig wachsenden Schienenverbindungen neue Exportmöglichkeiten, jenseits der Wasserstraße. Gleichzeitig wurden die Abbautechniken permanent verbessert. Der Schachtbau ergänzte und perfektionierte den Stollenabbau und erlaubte den Vorstoß in immer größere Tiefen. Die Zahl der Schächte wuchs auf beiden Seiten der Grenze und die Eisenbahngruben sorgten für schnellen Absatz der steigenden Förderung.

Der Wegfall der Zollgrenzen zwischen den beiden Revieren nach 1871 wurde in seiner ökonomisch positiven Wirkung auf die Region weiter verstärkt durch die Erfindung des „Thomasverfahrens“, das es ermöglichte, die lothringische Minette zur Stahlherstellung in großem Stil zu nutzen. Diese Verbindung sorgte 100 Jahre, unabhängig von der politischen Konstellation, für ein blühendes Montanrevier, das der Landschaft, den Dörfern und Städten und den Menschen seinen Stempel aufdrückte.

Wir haben aus unseren Irrtümern der Vergangenheit gelernt, praktizieren und planen eine gemeinsame Zukunft. Im Großen und im Kleinen. Die Quattropole, ein Städtebündnis von Metz, Luxemburg, Trier und Saarbrücken bündelt die Interessen der großen Agglomerationen in SaarLorLux. Am 6. Mai 2010 wurde der Eurodistrict SaarMoselle für den grenzübergreifenden Ballungsraum Saarbrücken-Forbach gegründet. Großrosseln ist mit Petite-Rosselle, Völklingen mit Forbach verschwistert. Die Menschen fragen schon lange nicht mehr nach der Grenze, arbeiten hier oder dort, wohnen, wo es ihnen am besten gefällt, kaufen bei Cora oder Globus, haben ihre Lieblingsrestaurants diesseits und jenseits der Grenze, besuchen Kinos, Museen, Konzerte, wie es ihnen passt.

In der Regel gehen wir dabei an den vielen Zeugnissen der Vergangenheit achtlos vorbei. Der Schlossberg in Forbach und die Spicherer Höhen sind für uns zu ersten kulinarischen Adressen geworden und bergen doch so viel Geschichte. Kirchtürme, Hochöfen, Kühltürme, Hochspannungsmasten und Fördergerüste sind Landmarken und zugleich Kulisse für unsere Geschäftigkeit. Man sieht nur richtig, was man kennt. Lasst uns unsere Geschichte, trotz und wegen der vielen Verwundungen der Vergangenheit, lebendig halten, andere einladen, sie kennenzulernen, und als Beispiel für die Überwindung jahrhundertelanger Konflikte präsentieren.

Aber ganz gleich, in welcher Richtung sich die Region und in ihr die Moselle und das Saarland entwickeln, die Montanzeit, die Zeit des Bergbaus, wird als eine bedeutende, eine Landschaft und Menschen prägende Ära Bestand haben, ebenso wie die Zeit der Kelten oder Römer, wie die Macht der Kirchen, wie das Grenzlandschicksal im Kerngebiet Europas. Denn an einem kann kein Zweifel sein: Das heutige Saarland und das Bassin Houiller in Lothringen sind eine Frucht der Industrialisierung, sind auf und wegen der Kohle entstanden. In der Verkehrsinfrastruktur und Raumordnung, in den Siedlungen, in der Baukultur und in den sozialen Einrichtungen wie den Krankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen der Knappschaft, spüren wir die Folgen, die sich aus den Notwendigkeiten des Kohlereviers ableiteten. Kraftwerke und Hütten haben ihre Standorte wegen der Kohle gewählt, die Zulieferer sowieso. Rund um die Stahlwerke entstanden die „Frühkneipen“, die der Nachtschicht erlaubten, in den Kaffeeküchen der Bergwerke den Staub aus der Kehle zu spülen und gleichzeitig der Frühschicht die ersten sozialen Kontakte vor Beginn der Arbeit verschafften. Mit der Schichtarbeit, die dem Leben der Menschen ihren Rhythmus aufzwang, mussten die Familien auf beiden Seiten der Grenze fertig werden – ein nicht einfach beiseite zu schiebendes Problem bis in die heutige Zeit. So ist auch heute noch die Region ständig in Bewegung, immer wird an irgendeiner Stelle gearbeitet und kaum haben sich Städte und Dörfer zur Ruhe gelegt, leuchten bereits die Fenster in den Häusern der Frühschichtler und über die Straßen ergießt sich der Strom der Pendler in die Werke, die zumeist dem neuen Götzen Automobil zu Diensten sind.

Das Kerngebiet der Kohle war der Saarkohlenwald zwischen dem Warndt und Neunkirchen, mit seinen Flüssen und Bächen, Lauterbach, Rossel, Fischbach, Sulzbach, Köllerbach, Blies und Sinnerbach. Überall finden sich die Zeugnisse des Bergbaus: Siedlungen, Gebäude, Fördertürme und Fördergerüste, Absinkweiher, Pumpenhäuser, Halden. Selbst dann, wenn man die Geschichte der Region und die des Bergbaus nur anhand der hinterlassenen handfesten Relikte schreiben wollte, träten die Phasen der staatlichen und der damit verbundenen kulturellen Wechsel zu Tage. Feudalismus, die napoleonische, die preußische wie die parallel laufende bayerische Zeit haben ihr unverwechselbares „Design“, haben ebenso eindeutige architektonische Charakteristika, in denen sich wiederum signifikante Veränderungen aufgrund des technischen Fortschritts beobachten lassen. Die Prämienhäuser der preußischen Zeit, die Siedlungen im Bassin Houiller, der Mietwohnungsbau unter der Ägide der Mines Domaniales lassen sich leicht identifizieren. In der Arbeitskleidung zeigen sich die Epochen und die politischen Veränderungen fanden in der Bergmannsuniform und Arbeitskleidung ihren jeweiligen Niederschlag. Es gibt viel mehr zu identifizieren, zu beachten und konsequenterweise zu bewahren, als wir bei flüchtigen Blicken auf unsere Region wahrzunehmen vermögen. Dabei dürfen die Menschen nicht aus dem Blickfeld geraten. Bergbaugeschichte ist auch die Geschichte von schwersten, vielfach geradezu unmenschlichen Arbeitsbedingungen, von überlangen Arbeitstagen, von Kinderarbeit, von Schäden in der Natur, von Ausbeutung und Entwürdigung, auf der anderen Seite aber auch eine Geschichte von Solidarität, von Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft, von Widerstand und Opferbereitschaft.

Einen Vorschlag für das Ziel der heutigen Exkursion würde ich gerne noch machen: Wenn es uns gelänge, die Bahnstrecke längs der Rossel zu reaktivieren und eine Brücke über die Rossel zu schlagen mit Anschluss an die Kohlebahn, die Petite-Rosselle mit Forbach verbindet, wären zwei große industriegeschichtlich bedeutsame Einrichtungen miteinander verknüpft. Das Carreau und die Alte Völklinger Hütte, zwei überragende Zeugnisse unserer industriellen Vergangenheit. Dazwischen liegt das Erlebnisbergwerk in Velsen. In den Zeiten der Feindschaft als Luftschutzstollen gebaut, wurde es zum Lehrstollen für die Berglehrlinge und bietet heute allen Interessierten einen Einblick in die Welt unter Tage. Wir würden damit eine touristische Erschließung ermöglichen, hätten eine Schienenverbindung von Forbach nach Völklingen und würden das jeweils besondere und das überwiegend gemeinsame praktisch erfahrbar machen. Die vielen anderen Zeugnisse der Vergangenheit in Städten und Dörfern verlören dadurch nicht ihren Glanz, sondern bekämen eine Mitte, die nach allen Seiten ausstrahlt und gleichzeitig die beiden Länder vereint.

Text © Reinhard Klimmt

 

 

Sie möchten immer aktuell per Mail informiert werden?

Dann abonnieren Sie hier unseren Newsletter:

 

Newsletteranmeldung



(Bei einem Newsletter im HTML-Format stehen im Gegensatz zu einer reinen Textversion Formatierungen wie unterschiedliche Schriften, Farben oder Bilder zur Verfügung.)

Wenn Sie bereits ein Profil haben und es löschen oder bearbeiten möchten, klicken Sie hier.

Alle Infos zum Umgang mit Ihren Daten finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.